Angemessene Lebensverhältnisse als Herausforderung für die kommunale Praxis - eine kleinräumige Analyse zur wohnortbezogenen Lebensqualität im älter werdenden ländlichen Raum am Beispiel der Region „Der Selfkant“

  • Appropriate living conditions as a challenge for local authorities - a small-scale analysis of local quality of life in demographically ageing rural areas using the example of the region „Der Selfkant“

Opitz, Sandra; Pfaffenbach, Carmella (Thesis advisor); Fromhold-Eisebith, Martina (Thesis advisor)

Aachen : Publikationsserver der RWTH Aachen University (2015)
Doktorarbeit

Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2015

Kurzfassung

Nach dem mit der Industrialisierung eingeleiteten demographischen Übergang sind es mit dem demographischen Wandel gegenwärtig erneut Bevölkerungsentwicklungen, die hochentwickelte Staaten wie Deutschland vor neue gesamtgesellschaftliche Herausforderungen stellen. Alterung, Schrumpfung und Heterogenisierung der Bevölkerung haben Folgen fürzahlreiche Lebens- und Gesellschaftsbereiche und erfordern somit auf verschiedenen Ebenen Anpassungsmaßnahmen. Seit einigen Jahren beherrscht die wissenschaftliche wie politische Diskussion um den demographischen Wandel die Frage, wie unter diesen veränderten Bedingungen die Lebensqualität am Wohnort erhalten bleiben kann, insbesondere dort, wo sie die Tragfähigkeit der Daseinsvorsorge gefährden. Sie stellt sich vor allem angesichtsdes verfassungsrechtlich verankerten raumplanerischen Leitbildes gleichwertiger Lebensverhältnisse, das auch in Zukunft in den einzelnen Teilräumen der Bundesrepublik Lebensbedingungen garantieren soll, die im Sinne des Sozialstaatprinzips angemessene gesellschaftliche Teilhabe und freie Entfaltung der Persönlichkeit ermöglichen. Der Wohnort an sich darf demnach nicht zu einer individuellen Benachteiligung führen. Diese Gefahr ist aufgrund struktureller Gegebenheiten besonders im ländlichen Raum gegeben, auch wenn hier nicht, wie die ländliche Vielfalt Deutschlands zeigt, von einer homogenen Siedlungskategorie gesprochen werden kann. Entsprechend sind ländliche Regionen vom demographischen Wandel unterschiedlich stark betroffen. Nichtsdestotrotz offenbaren Bevölkerungsprognosen den Regionen bundesweit eine Zukunft demographischer Schrumpfung, die die einen früher, die anderen später erfassen wird. Das Hauptaugenmerk richtet sich aufgrund des höheren Handlungsdrucks auf erstere, wie die bereits intensive Auseinandersetzung mit schrumpfenden peripheren ländlichen Regionen Ostdeutschlands belegt. Aber auch demographisch noch stabile bzw. wachsende Regionen des ländlichen Raumes werden sich mit den absehbaren Entwicklungen auseinanderzusetzen haben. Das gilt ebenso für die Untersuchungsregion „Der Selfkant“ im Landkreis Heinsberg (NRW), die sich im Prozess der Strategieentwicklung im Umgang mit dem demographischen Wandel befindet. Aufgrund einer nach wie vor positiven Einwohnerentwicklung sieht sie sich in erster Linie durch die Bevölkerungsalterung mit Veränderungen konfrontiert, daneben aber, wegen der Nähe zu nordrhein-westfälischen und niederländischen Agglomerationsräumen, auch mit potenzieller Abwanderung. Die hier genauso existente und in einer demographisch schrumpfenden Gesellschaft zunehmende Abhängigkeit von Wanderungsbewegungen offenbart die Fragilität auch von Wachstumsregionen. Demnach ist die Sicherung wohnortbezogener Lebensqualität für Regionen und Kommunen generell von Bedeutung. Da der Gesetzgeber dieses Ziel mit unbestimmten (Rechts-)Begriffen wie Gleichwertigkeit oder Angemessenheit belegt, damit aber zugleich auch Handlungsspielraum lässt, den die räumlich unterschiedliche Wirkung des demographischen Wandels in gewissem Maße erfordert, wird jede Region diesbezüglich eigene Antworten finden müssen. Daran knüpft die Dissertation an und versucht am gewählten Raumbeispiel Lösungsansätze, abgeleitet aus der im Mittelpunkt stehenden Bürgerperspektive, zu ermitteln. Diese wird angesichts knapper öffentlicher Haushaltskassen und des Postulats der Nachhaltigkeit künftig verstärkt mit einzubeziehen sein, weil eigentlich nur mit der Kenntnis vorhandener Bedarfe angemessene Lebensqualität entwickelt werden kann. Vor diesem Hintergrund sind Einwohner der Selfkant-Region ab einem Alter von 35 Jahren in Form einer schriftlichen standardisierten Erhebung nach der Lebensqualität am Wohnort, definiert über die wesentlichen Bereiche infrastrukturelle Versorgung, Mobilität, Wohnumfeld und soziale Integration, befragt worden. Ziel war es, nähere Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche Ansprüche jetzt und im Alter an die Wohnumgebung gestellt werden. Die Analyse erfolgte dabei zum einen nach den für die Alltagsbewältigung an Bedeutung zunehmenden personenbezogenen Merkmalen Alter und Mobilität, zum anderen nach Wohnstandort (Gemeinde, Ortsteil) differenziert. Die Einbeziehung der subkommunalen Ebene trägt der wachsenden Notwendigkeit einer kleinräumigen Betrachtung des demographischen Wandels Rechnung, denn Bevölkerungsveränderungen machen sich direkt vor Ort bemerkbar, setzen sich hier heterogen fort und beeinflussen damit wesentlich das subjektive Wohlbefinden am Wohnort. Trotz der für ländliche Räume charakteristischen hohen Wohnzufriedenheit beurteilen die befragten Regionsbewohner ihren Wohnort im Durchschnitt lediglich als mittelmäßig. Höhere Unzufriedenheit mit Teilbereichen wohnortbezogener Lebensqualität bei Hilfsbedürftigkeit und der sich als bedeutendes Umzugsmotiv herauskristallisierte Versorgungsaspekt machen deutlich, wie sehr die Lebensqualität im ländlichen Raum vom Faktor Mobilität abhängt. Ein Vergleich mit objektiven Lebensbedingungen hat daneben aufgezeigt, dass subjektive Einschätzungen diese durchaus widerspiegeln und lokale Entwicklungen u. U. kritisch wahrgenommen werden. Ob „ländliches Wohnen“ zum Nachteil wird, entscheiden letztlich die Erreichbarkeit grundlegender Versorgungseinrichtungen, vor allem Lebensmittelgeschäfte und (Fach-)Ärzte, bzw. die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur Kompensation vorhandener Infrastrukturdefizite. Zusammen mit den sich wandelnden Rahmenbedingungen führen die Untersuchungsergebnisse mehr oder weniger zwangsläufig zu der Frage, ob der ländliche Raum nicht vielmehr als Wohnstandort für bestimmte Lebensphasen verstanden werden sollte. Folglich bedarf es in der Diskussion um Lebensqualität im ländlichen Raum, wie vereinzelt gefordert, einer verstärkten Thematisierung der Rolle individueller Wohnstandortentscheidungen und daraus resultierender möglicher Belastungen für die Allgemeinheit.

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