Hochland- und Tieflandindigene im Konflikt : Land- und Ressourcen-Nutzung in Alto Beni, Bolivien

  • Conflicts between indigenous peoples of the highlands and lowlands : land and resource use in the Alto Beni region of Bolivia

von Stosch, Kristina; Schoop, Wolfgang (Thesis advisor)

Aachen : Publikationsserver der RWTH Aachen University (2011)
Doktorarbeit

Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2010

Kurzfassung

Gegenstand dieser Untersuchung sind die interethnischen Konflikte zwischen den Indigenen Agrarkolonisten aus dem Hochland und der ursprünglichen Bevölkerung aus dem Tiefland, die sich im Zusammenhang mit der Nutzung von Land und Ressourcen (vor allem Tropenholz) ergeben. Im Sinne der modernen Konfliktforschung wird nicht nur eine Klärung der Konfliktsituation, sondern auch eine Einschätzung von Lösungsvorschlägen angestrebt, die von den betroffenen Gruppen akzeptiert wird. Der Arbeit liegt die zweigeteilte These zugrunde: „Nutzungskonflikte um Land und Ressourcen gefährden die Kultur ethnischer Minderheiten (hier der Mosetenen). Konfliktprävention fördert in einem interkulturellen Ansatz nicht nur Frieden, sondern kann auch dazu beitragen, dass kulturelle Werte bewahrt werden.“ Mit Bedacht wurde die Region Alto Beni ausgewählt, die sich mit ihrer überschaubaren Größenordnung und ihrer weitgehend abgeschlossenen Lage für eine exemplarische Analyse in hohem Maße eignet. Aufbauend auf den Arbeiten der internationalen Forschung zur Friedensförderung und unter Einbeziehung der vorhandenen lokalen Analysen werden die Terminologie und Systematik dieser Disziplin auf diese Region und ihre spezifischen Konfliktfelder angewandt. Ergänzt werden diese Quellen durch eigene Erhebungen. Dabei wird eine Reihe qualitativer Forschungsmethoden eingesetzt, wie „Problemzentrierte Leitfaden-Interviews“ und „Gruppeninterviews“. Mit dieser partizipativen Vorgehensweise können vor allem Aussagen gemacht werden, die die Selbst- und Fremdeinschätzung der Kontrahenten in Hinblick auf die einzelnen Konfliktsituationen wiedergeben. Hilfreich ist ein Rückblick auf die historische Entwicklung der beiden ethnischen Gruppen. Sie haben unterschiedliche Erfahrungen mit regionaler Mobilität, was zur Erklärung des kulturspezifischen Denkens herangeführt werden kann. Bemerkenswert sind vor allem die unterschiedlichen Konzepte von Landbesitz und Landnutzung in den beiden Ökoregionen: Im Hochland die individuelle Ackerbauparzelle (tierra), im Tiefland das gemeinschaftliche Nutzungsgebiet (territorio). Beiden Konzepten liegen spirituelle Vorstellungen zugrunde, die es bei der Konflikteinschätzung zu berücksichtigen gilt. Ebenso unterschiedlich hat sich das Organisationsleben der beiden Ethnien entwickelt. Enge Familienverbände (ayllus) sind aus dem Hochland bekannt, dazu eine ausgeprägte gewerkschaftliche Tradition und jüngst ein politisches Gewicht, das die Hochland- Indigenen zu nutzen wissen. Dagegen verbinden sich mit den Tiefland-Indigenen Begriffe wie unstete Wohnweise und unregelmäßige Sammeltätigkeiten. Das hat seit jeher zu einer weit verbreiteten Geringschätzung gegenüber dieser Gruppe geführt. Weitere Unterschiede, die es bei der Konfliktanalyse zu beachten gilt, sind die nationalen Gesetzeswerke, die den Indigenen des Gebirgslandes und der tropischen Tieflande in unterschiedlichem Maße zugute gekommen sind. Es ist einerseits die Agrarreform, die vor allem die Hochlandbauern genutzt haben, andererseits die Deklaration der indigenen Territorien, die den Tieflandbewohnern ihre ererbten Rechte sichern. Aus beiden sozialpolitischen Entscheidungen leiten sich Ansprüche her, die sich mitunter auf das gleiche Stück Land anwenden lassen. Die Untersuchung wendet sich noch weiteren Konfliktursachen zu. Es geht dabei darum, die beteiligten Menschen bei der Beurteilung der Rollen und Interessen der handelnden Gruppen mit einzubeziehen. Nur wenn sie selbst Lösungsvorschläge machen, die auch mitgetragen werden, besteht Aussicht auf nachhaltige Konfliktbearbeitung und endgültige Friedenssicherung. Das gleiche gilt für dritte Konfliktbeteiligte (terceros), deren Wahrnehmungen und Einschätzungen im Rahmen von Interviews mit Experten und Schlüsselpersonen aufgenommen worden sind. Bei der Analyse der Konflikte hat es sich als sehr hilfreich erwiesen, nicht nur einen systematischen Überblick über das Geflecht der konfliktiven Beziehungen zu geben, sondern auch eine Typisierung der Konflikte vorzunehmen. Auch der Rückblick auf das jeweilige Konfliktverhalten der beiden Gruppen hat bei den Beteiligten das Verständnis für den interethnischen Dialog gefördert. Auf der Basis von Vorschlägen aller Beteiligten konnte ein Katalog erstellt werden, der alle genannten Lösungsstrategien und Präventivmaßnahmen aufführt. Er enthält politisch-rechtliche Lösungen (wie z. B. die Stärkung der indigenen Autonomie), operative Lösungen (wie z.B. der Einsatz von Ortungsgeräten und die Beschäftigung von Waldhütern) sowie sozio-kulturelle Lösungen (wie z.B. die Verbesserung der Grundschul- und Erwachsenenbildung). In einem umfassenden Bewertungsverfahren werden diese Vorschläge gesichtet und auf ihre Realisierbarkeit hin geprüft. Der Untersuchung zeigt, dass ein friedliches Miteinander gewünscht wird und möglich ist. Dies erfordert allerdings von allen Beteiligten (auch von Seiten des Staates, von Entwicklungsorganisationen und Wirtschaftsvertretern) die Bereitschaft zu Konsens und zur Übernahme von Verantwortung. Die Analyse bestätigt ferner, dass die kulturelle Minderheit der Tieflandindigenen sich im Laufe des letzten Jahrzehnts der eigenen Identität stärker bewusst geworden ist und Kraft aus dieser neuen Situation schöpft. Es gilt, diesen Prozess in Form eines interkulturellen Dialogs weiterzuführen. Entwicklungsorganisationen und staatliche Stellen (Agrarreformbehörde, Nationales Forstamt) haben die Untersuchung verfolgt und ihre eigene Vorstellungen in den Katalog der Lösungsstrategien mit eingebracht. Sie erwarten mit Interesse die Ergebnisse der Untersuchung, um einen Teil der vorgeschlagenen Maßnahmen in Abstimmung mit den beiden Parteien und zu ihrem Schutz) umzusetzen.

Identifikationsnummern