Regional Railway Governance – Akteursnetzwerke im regionalen Bahnsystem im internationalen Vergleich

  • Regional Railway Governance – International comparison of stakeholder networks in regional railway systems

Elsmann, Dominik; Fromhold-Eisebith, Martina (Thesis advisor); Pfaffenbach, Carmella Diana (Thesis advisor)

Aachen (2017)
Doktorarbeit

Dissertation, RWTH Aachen University, 2017

Kurzfassung

Ziel und Gegenstand der Untersuchung: Europas Eisenbahnsysteme haben in den vergangenen 20 Jahren einen tiefgreifenden Wandlungsprozess durchlaufen. Im Zuge der Reformierung des europäischen Eisenbahnsektors wurden die Prozesse Privatisierung, Liberalisierung und Regionalisierung initiiert und mit national individueller Radikalität umgesetzt. In Deutschland und Großbritannien hat die Reformierung der Eisenbahnsysteme Anfang der 1990er Jahre nahezu zeitgleich eingesetzt. Die nachfolgende Entwicklung ist in beiden Staaten jedoch unterschiedlichen Entwicklungspfaden gefolgt. Die abweichenden Umsetzungsmodelle der Reformierung haben sich demnach stark auf Struktur und Funktionsweise der betroffenen Eisenbahnsysteme ausgewirkt. Infolge des Regionalisierungsprozesses wurden vor allem Akteursnetzwerke in den regionalen Bahnsystemen entweder in besonderem Maße umstrukturiert oder gar erstmalig organisiert und neu etabliert. Jene Akteursnetzwerke stehen in dieser Arbeit im Fokus des Interesses. Vor diesem Hintergrund wird in der vorliegenden Studie Governance im regionalen Bahnsystem erforscht. Als spezifische Form von Governance wird die netzwerkgebundene Zusammenarbeit der Akteure untersucht. Aufbauend auf Ansätzen der Netzwerkforschung und dem Governance-Konzept, analysiert diese Arbeit die Zusammensetzung und Funktionsweise von Akteursnetzwerken im regionalen Bahnsystem in Abhängigkeit unterschiedlicher Entwicklungspfade, die im jeweils nationalen Kontext verfolgt wurden. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf der partizipativen Einbindung ziviler Akteure und die Frage nach dem Stellenwert partizipativer Ansätze im Akteursnetzwerk im regionalen Bahnsystem wird gestellt. Untersuchungsmethoden: Der Fallstudienvergleich bildet den Forschungsansatz für die vorliegende Arbeit. Aufgrund der zeitgleichen Reformierung des Eisenbahnsektors, aber völlig abweichenden Umsetzungsmodellen und daraus resultierenden unterschiedlichen Strukturen, eignen sich Fallstudien aus Deutschland und Großbritannien für einen Vergleich der heutigen Akteursnetzwerke und deren Funktionsweise. Zur vergleichenden Untersuchung von Governance im regionalen Bahnsystem wurden hierzu die deutsche Region Aachen sowie die britische Region Lancashire gewählt. Angesichts der unterschiedlichen Entwicklungspfade, die im Anschluss an die Reformierung der jeweiligen nationalen Bahnsysteme verfolgt wurden, vergleicht diese Arbeit die gegenwärtigen Strukturen und Funktionsweisen der Akteursnetzwerke in den regionalen Bahnsystemen. Ziel ist es, abweichende Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren zu identifizieren und die resultierenden unterschiedlichen Organisationsstrukturen sowie Entscheidungsprozesse herauszustellen. Darüber hinaus ermöglicht die vergleichende Untersuchung die Identifizierung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden, die die Situation regionalen Bahnsystem prägen. Zudem wird herausgestellt, inwiefern die identifizierten Strukturen eine intensivere Partizipation ziviler Akteure ermöglichen oder erschweren. Die Untersuchung von Akteursnetzwerken baut auf der relationalen Perspektive der Netzwerkforschung auf, die bestehende Beziehungsgefüge zwischen den Akteuren betrachtet und das Zustandekommen dieser beleuchtet. Das Governance-Konzept bietet hierfür den theoretischen Rahmen, indem es Formen und Mechanismen der Koordinierung zwischen mehr oder weniger autonomen Akteuren betrachtet, deren Handlungen interdependent sind. Aufbauend auf Ansätzen der sozialen Netzwerkforschung und des Governance-Konzeptes findenin dieser Arbeit unterschiedliche Untersuchungsmethoden Anwendung. Neben der Dokumentenanalyse wurden teilnehmende Beobachtungen sowie qualitative Experteninterviews geführt. Ergebnisse der Untersuchung: Die gewonnenen Erkenntnisse zeigen, dass Akteursnetzwerke in den regionalen Bahnsystemen der beiden Fallstudien bestehen. Hierbei handelt es sich um keinen offiziellen und formalisierten Zusammenschluss unterschiedlicher Akteure. Vielmehr arbeiten Akteure mit Zuständigkeiten im regionalen Bahnsystem oder Interessen in diesem aufgrund ihrer gegenseitigen Abhängigkeit in der Governance-Form des Netzwerks zusammen. Den Ergebnissen der Experteninterviews folgend, können diese Netzwerkstrukturen als nicht formalisiert, wohl aber institutionalisiert bezeichnet werden. Nahverkehr auf der Schiene wird längst nicht mehr von ausschließlich öffentlichen Akteuren organisiert. Infolge von Privatisierung, Liberalisierung und Regionalisierung setzt sich das Akteursnetzwerk inzwischen äußerst heterogen zusammen und umfasst öffentliche, private als auch zivile Akteure. Einerseits arbeiten hierdurch Akteure mit unterschiedlichen Motivationen kooperativ zusammen, andererseits hat die Organisation des Funktionssystems Bahn an Komplexität gewonnen. Entscheidungsprozesse werden im Netzwerk zwischen allen betroffenen Akteuren verhandelt. Die Forschungsergebnisse in dieser Arbeit zeigen jedoch, dass die Möglichkeit zur Einflussnahme für einzelne Akteure höher ist, als für andere. So nehmen die Aufgabenträger in der deutschen Fallstudie und das Department for Transport (DfT) im britischen Kontext eine dominante Position ein. Dies ist nicht zuletzt auf die Finanzierung von Nahverkehrsleistungen zurückzuführen, die von den genannten Akteuren gesichert wird. Hinsichtlich der partizipativen Einbindung ziviler Akteure offenbart der Vergleich der deutschen und britischen Fallstudie deutliche Unterschiede. In Deutschland treten zivile Akteure in erster Linie in Form institutionalisierter Verbände oder Interessensgemeinschaften auf. Dementsprechend ist das Akteursnetzwerk primär auf die Integration solch professionalisierter Akteure eingestellt, wenngleich auch deren Einbindung, durch die Experten, als verbesserungswürdig bewertet wird. Die britische Fallstudie liefert in Hinblick auf partizipative Strukturen mit den „Community Rail Partnerships“ hingegen ein Erfolgsmodell, das als Integrator die dauerhafte Einbindung unterschiedlicher Akteure ermöglicht. Hierdurch entsteht im regionalen Bahnsystem eine unterstützende Beteiligungskultur, die sich in einer konstruktiven Zusammenarbeit von öffentlichen, privaten und zivilen Akteuren niederschlägt. Vorteile und Potentiale, die sich aus dieser partizipativen Governance ergeben, werden in der Arbeit genauso diskutiert wie Möglichkeiten zur Übertragung von Best-Practice Ansätzen auf andere Regionen.

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