Searching for an oriental paradise? : Imaginaries, tourist experiences and socio-cultural impacts of mega-cruise tourism in the sultanate of Oman

  • Die Suche nach dem Orientalischen Paradies? : Imaginationen, Touristische Erfahrungen und Sozio-Kulturelle Auswirkungen von Mega-Kreuzfahrttourismus im Sultanate Oman

Gutberlet, Manuela; Pfaffenbach, Carmella Diana (Thesis advisor); Müller, Dieter (Thesis advisor)

Aachen (2017)
Doktorarbeit

Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2017, Kumulative Dissertation

Kurzfassung

Die vorliegende Doktorarbeit ist eingebettet in die Diskussion über die schnelle Entwicklung von Destinationen für „Mega-Kreuzfahrtschiffe“, sogenannte Club-Schiffe, die weltweit „all-inclusive Urlaub auf See” anbieten (UNWTO 2010). Diese Schiffe tragen mit Erlebniswelten und Imaginationen zur kulturelle Globalisierung des touristischen Raumes in den Destinationen bei. Hintergrund für diese Dissertation bilden die Prozesse, die die diversen sinnlichen und körperlichen touristischen Erlebnis-erfahrungen prägen sowie die sozio-kulturellen Auswirkungen im Hinblick auf die Begegnungen zwischen Einheimischen und Touristen und deren Machtverhältnisse im touristischen Raum. Folgende Forschungsfragen wurden untersucht: Welche Imaginationen, Erlebniserfahrungen und Performanzen haben die deutschsprachigen Kreuzfahrttouristen? Was sind die sozio-kulturellen Auswirkungen des Mega-Kreuzfahrttourismus und wie reagieren die lokale Bevölkerung und Regierungsoffizielle darauf? Hat der Tourismus das Verständnis für die sozio-kulturelle Umgebung der lokalen Bevölkerung verändert? Welche Pläne gib es für die Tourismusentwicklung - insbesondere in Bezug auf den Kreuzfahrttourismus? Das Sultanat Oman ist eine neue, aufstrebende Kreuzfahrtdestination in Asien. 2004 legte das erste groẞe Kreuzfahrtschiff AIDAblu in Muskat an. Die Anzahl der Schiffe stieg von 25 Schiffen mit 7,783 Touristen im Jahr 2005 auf 135 Schiffe und 257.000 Passagiere im Jahr 2013. Die Mehrheit der Kreuzfahrttouristen ist deutschsprachig - sie kommen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für die Dissertation wurden zwei Fallstudien durchgeführt. Zum einen wurde der Kreuzfahrttourismus in einer Stadtdestination analysiert: in Souq Muttrah, nahe des Kreuzfahrtterminals. Zum anderen wurden die Destinationen einer Tagesexkursion untersucht: die Sharquiyah Sands Wüste und eine Oase. Diese Orte repräsentieren „orientalische Imaginationen der Andersartigkeit“ und verdeutlichen die sozio-kulturellen Veränderungen, die aufstrebende Kreuzfahrtdestinationen erleben. Die Feldstudien wurden zwischen 2011 und 2014 durchgeführt. Die angewandten Methoden beinhalten Fragebogenerhebungen unter deutschsprachigen Kreuzfahrttouristen. Außerdem wurden teilnehmende Beobachtung, Fotografie, Zählung, mobile Interviews mit Touristen sowie qualitative Interviews mit einer großen Anzahl von lokalen Akteuren durchgeführt. Die Dissertation analysiert die Perspektiven einer Vielzahl von Akteuren: Touristen (Kreuzfahrt-, Individual- und Gruppenreisende), kulturelle Vermittler, Einheimischen (Anwohner, Kunden, Geschäftseigentümer und Angestellte) sowie hochrangige Regierungsvertreter (Tourismusminister, Minister für Umwelt und Klimaangelegenheiten, stellvertretender Obermufti, Wali von Muttrah u.a.). Zudem wurden Reiseführer, Medienartikel, Newsletter an Bord, Marketingmaterial und Websiten sowie offizielle Statistiken ausgewertet. Auch Fotos, die Interviewteilnehmer in Souq Muttrah gemacht haben, wurden inhaltlich analysiert.Während der Reise mit einem Mega-Schiff sind Raum und Zeit stark komprimiert. Die Touristen bewegen sich auch an Land in einer „tourist bubble“ oder „Touristen-Enklave“, ein physisch und sozial-geographisch geschlossener Raum, der an ihre Bedürfnisse angepasst ist und ähnliche Merkmale wie ein Club-Schiff aufweist. Infolgedessen erleben die Touristen die Destinationen „dekontextualisiert“, d.h. losgelöst von der sozialen und kulturellen Umgebung. Aufgrund der großen Anzahl von Kreuzfahrttouristen, die Souq Muttrah in den Wintermonaten besucht, hat sich entlang der Hauptstraßen im Souq eine „geschlossene tourist bubble“ gebildet, welche die Identität des Souqs stark verändert hat. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den Ausbau des Kreuzfahrttourismus und die Verlagerung des Großhandels von Souq Muttrah nach Barka. Die lokale Bevölkerung fühlt sich jedoch ausgeschlossen von der schnellen Tourismusentwicklung. Um sich von den Touristen abzugrenzen, haben sie physische und soziale Barrieren errichtet. Auch einheimische Kunden, die zum Teil aus dem Landesinneren in den Souq kommen sowie deutschsprachige Gruppen- und Individualreisende vermeiden es, den öffentlichen Raum mit Kreuzfahrttouristen von Mega-Schiffen, zu teilen und einzukaufen. Daher ziehen gut etablierte Geschäfte im Souq an die Peripherie der „tourist bubble“. An ihre Stelle treten asiatische Verkäufer, die ein aggressiveres Verkaufsverhalten aufweisen und nicht-omanische, billige Souvenirs, z.B. imitierte Pashmina Schals verkaufen. Meine Untersuchungen haben andererseits ergeben, dass für die meisten Touristen der Souq einen unverändert traditionellen und orientalischen Ort darstellt. Allerdings kaufte die Mehrheit der befragten Kreuzfahrttouristen entweder gar nichts oder sehr wenig, sie konsumierten rein visuell. Dieser sogenannte „touristische Blick” ist vielfältig, wobei ein „romantischer Blick” überwiegt. Die Menschen, denen sie begegnen und die sie fotografieren, werden zu passiven Anschauungsobjekten hinsichtlich ihrer äußeren „Andersartigkeit“. Die lokale Bevölkerung ist wenig involviert in das touristische Erleben. Außerdem analysiert die Doktorarbeit andere sinnliche touristische Erlebniserfahrungen und Performanzen. Das Konzept der Performanz bezieht sich auf Erzählungen, Praktiken und die Repro-duktion des Raumes durch mediatisierte Imaginationen. Diese Imaginationen über den „orientalisch Anderen“ in einem exotischen Land stehen im Gegensatz zur Monotonie des Alltags. Als solches repräsentiert der Souq eine Bühne, die von mediatisierten Imaginationen, Materialitäten, physischen Körpern und Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ wie z. B. „Sindbad der Seefahrer“ oder auch die Biographie von „Prinzessin Salme von Sansibar“ geprägt wird. Diese Imaginationen werden durch Massenmedien, Marketingbroschüren sowie über Kulturvermittler an Bord und an Land kommuniziert. Sie „labeln” Oman als ein Märchenland, das durch den Souq als eine Art Themenpark, ein „arabisches Disneyland“, Gestalt annimmt. Diese orientalische „tourist bubble“ dient einerseits für den Massen-konsum und andererseits führt sie zur Ausgrenzung der lokalen Bevölkerung und anderer Touristen. Orientalische Imaginationen und daraus resultierende Machtbeziehungen zwischen dem Westen und dem Orient tragen auch dazu bei, dass Mega-Kreuzfahrttouristen ein unachtsames Kleidungsverhalten aufweisen, das zu Kulturschock-Situationen führt. Hierbei werden Konflikte deutlich, die durch die interkulturelle Begegnung zwischen zwei Kulturen mit verschiedenen Moral- und Wertevorstellungen sowie gegensätzlichen Kommunikationsstilen entstehen. Meine Ergebnisse zeigen, dass die Mega-Kreuzfahrttouristen nicht genügend auf ihre Reise und die kulturellen Unterschiede vorbereitet werden. Eine klare Informationsvermittlung, insbesondere hinsichtlich des Kleidungsverhaltens für Frauen, wird vermieden. Folglich sind viele Touristen freizügig gekleidet, so dass die lokale Bevölkerung Kulturschock-Situationen erlebt. Daher wirbt das Sultanat Oman offiziell für Toleranz gegenüber westlichen, nicht-muslimischen Touristen und deren freizügigen Kleidungsverhalten, innerhalb einer an den Touristen „angepassten” (Din 1989) Strategie. Aufgrund meiner Ergebnisse sollte das Konzept des „hedonistischen Tourismus“ überdacht werden.Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der schnelle Anstieg westlicher Mega-Kreuzfahrttouristen eine sozio-kulturelle „Invasion” mit negativen Auswirkungen für die Destinationen bedeutet. Dies steht ganz im Gegensatz zu der Vision von Sultan Qaboos bin Said, der die positiven Auswirkungen eines verantwortungsvollen Tourismus betonte. Tourismusgesetze und Entscheidungen zur Tourismusentwicklung sollten die lokale, multikulturelle Gesellschaft berücksichtigen, um so langfristig zu deren Lebensqualität beizutragen. Schließlich sollte ein „community-based“ Tourismus gesetzlich verankert werden.

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