Lebensmittel-Onlinehandel - Alternative zur zukünftigen Versorgung der Bevölkerung ländlicher Räume?

  • E-grocery - an alternative for the future food supply of the population in rural areas?

Mensing, Matthias; Neiberger, Cordula Sylke (Thesis advisor); Rauh, Jürgen (Thesis advisor)

Aachen (2018, 2019)
Doktorarbeit

Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2018

Kurzfassung

Motivation und Ziele der Untersuchung: Die industrialisierten und hoch entwickelten Staaten Westeuropas stehen aufgrund ihrer Bevölkerungsentwicklung, die geprägt ist von den Prozessen des demographischen Wandels und des zweiten demographischen Übergangs, vor großen ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. In Deutschland laufen die damit einhergehenden Prozesse der Alterung, der Schrumpfung und der Heterogenisierung der Bevölkerung räumlich differenziert und teilweise zeitlich versetzt ab. In Kombination mit einem anhaltenden Strukturwandel im Lebensmitteleinzelhandel hat dies Folgen für die Gewährleistung einer qualifizierenden Nahversorgung in allen Räumen Deutschlands. Vielerorts müssen Einrichtungen zur Gewährleistung der Daseinsvorsorge angepasst oder geschlossen werden, da die Tragfähigkeit eben dieser unter den sich verändernden demographischen Rahmenbedingungen nicht mehr gewährleistet werden kann. So entstehen aufgrund der demographischen Entwicklung Regionen mit divergierenden Entwicklungsperspektiven, die direkte Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse der Menschen vor Ort haben. Die Gewährleistung einer qualifizierenden Nahversorgung mit Lebensmitteln stellt vor diesem Hintergrund einen Sonderfall dar. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen der Daseinsgrundversorgung wird sie privatwirtschaftlich organisiert und unterliegt damit dem Wettbewerb des freien Marktes. Verändern sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, passen die gewinnorientiert handelnden Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) ihre Nahversorgungsinfrastrukturen an. In Regionen mit Nachfragerückgängen, verursacht durch Abwanderung, Schrumpfung oder Alterung der Bevölkerung, nimmt dadurch die wirtschaftliche Tragfähigkeit der Lebensmittelbetriebe ab. Unter diesen Bedingungen reduzieren die Unternehmen ihre Investitionen in die lokalen Nahversorgungsnetze. In Folge dessen verschlechtert sich die Ausstattung und Erreichbarkeit der Lebensmittelgeschäfte. Dies betrifft in besonderem Maße die immobilen Bevölkerungsgruppen peripherer ländlicher Räume. Die Anforderungen der räumlichen Planung werden hier in Bezug auf die Erreichbarkeiten oder die Sortimentsausstattung vielfach schon heute nicht erfüllt. In diesem Spannungsfeld gewinnen Nahversorgungslösungen, die im Sinne von „services to people“ organisiert werden, bei denen also Güter oder Dienstleistungen zum Kunden kommen, zunehmend an Relevanz. Die Digitalisierung eröffnet hier innovative Lösungen, um etwaige Versorgungslücken zu schließen und Erreichbarkeitsprobleme in der Grundversorgung mit Lebensmitteln zu bewältigen. In wie fern der Lebensmittel Onlinehandel (LOH) als neue Form von Dienstleistung einen Beitrag zur Sicherung der Nahversorgung der Bevölkerung ländlicher Räume beisteuern kann, bildet den Kern der Untersuchung. Dazu musste zu aller erst hinterfragt werden, ob aktuell überhaupt ein Bedarf an Angeboten des LOHs in ländlichen Räumen besteht und geklärt werden, wie dieser erfasst werden kann. Zur Abschätzung des Potentials des LOHs wurde ferner untersucht, wie sich der Bedarf in Zukunft darstellen wird. Letztlich galt es zu überprüfen, ob Geschäfts- oder Vertriebsmodelle innerhalb des LOHs existieren, die in der Lage wären, einen eventuellen Bedarf auch zu decken. Eingesetzte Methoden: Zur Beantwortung der zentralen Fragestellungen wurde der Landkreis „Vulkaneifel“ in Rheinland-Pfalz als Untersuchungsraum ausgewählt. Der Forschungsgegenstand „Potentiale des LOHs in ländlichen Räumen“ wird dabei aus der Perspektive der Nachfrager, der Anbieter und eines räumlichen Interaktionsmodells beleuchtet. Hierzu kommt eine Kombination aus qualitativen und quantitativen empirischen Methoden zum Einsatz. Zur Ermittlung der nachfrageseitigen Potentiale wurde eine standardisierte Haushaltsbefragung durchgeführt, an der sich 1.398 Haushalte beteiligten. Erkenntnisse über die Chancen und Barrieren auf der Anbieterseite wurden mithilfe von 14 leitfadengestützten Experteninterviews mit Vertretern der Wirtschaft und Wissenschaft gewonnen. Dieses Wissen fließt neben statistischen Daten und Informationen aus der Sekundärliteratur in die Formulierung, Operationalisierung und Kalibrierung eines räumlichen Interaktionsmodells zur Analyse und Prognose der erwarteten Umsätze der Lebensmittelbetriebe im Untersuchungsgebiet ein. Der Modellierungsansatz stützt sich auf Zeitreihendaten und verfolgt das Ziel, zukünftige Veränderungen in der Lebensmitteleinzelhandelsnetzinfrastruktur bis zum Jahr 2035 prognostizieren zu können. Aus den Ergebnissen der eingesetzten Methoden werden letztlich potentielle zukünftige Bedarfe oder Gründe für Alternativen zur Sicherung der Nahversorgung mit Lebensmitteln identifiziert. Erzielte Ergebnisse: Obwohl die Nahversorgungsinfrastrukturen des LEHs im Untersuchungsgebiet in der Vergangenheit den Prozessen des Strukturwandels unterlagen und sich dadurch die Qualität der Nahversorgungssituation nachweislich verschlechtert hat, bewerten die Konsumenten ihre Nahversorgungssituation zum Zeitpunkt der Untersuchung im Jahr 2015 positiv. Lediglich die Verschlechterung der Erreichbarkeit der Lebensmittelgeschäfte lässt einen möglichen Bedarf an Alternativen für die Nahversorgung mit Lebensmitteln vermuten. Viele Haushalte sehen allerdings noch keine Notwendigkeit, Alternativen in Betracht zu ziehen, da sie sich der Rahmenbedingungen im ländlichen Raum bewusst sind und ihr Einkaufsverhalten angepasst haben. Weniger mobile oder finanziell schlechter ausgestattete Haushalte, sind unter diesen Bedingungen jedoch schon heute gezwungen, auf Alternativen zurückzugreifen. Allerdings zeigen die Ergebnisse der Haushaltsbefragung eindeutig, dass der LOH im Untersuchungsraum aktuell nur ein Randphänomen darstellt. Mehr als die Hälfte aller Befragten, insbesondere die heutigen älteren Menschen, schließen eine Nutzung kategorisch aus. Darüber hinaus nutzen die „Online-Käufer“ den LOH nicht zur Deckung ihres täglichen Bedarfs, sondern primär zum Kauf von Produkten, die sie ansonsten nicht vor Ort beschaffen können. Der tägliche Bedarf wird weiterhin über die unterschiedlichen Betriebsformen des stationären LEHs befriedigt. Der anhaltende Strukturwandel im Untersuchungsraum wird zukünftig durch die Auswirkungen des demographischen Wandels verstärkt. Die LEH-Unternehmen werden ihre Versorgungsnetze an die rückläufige Nachfrage anpassen und sich weiter aus der Fläche zurückziehen. Durch den räumlichen Konzentrationsprozess steigen die zurückzulegenden Distanzen für den Lebensmitteleinkauf. Im Kern besteht also zukünftig ein höherer Bedarf an Alternativen zum stationären Lebensmitteleinkauf. Der große Unterschied zum heutigen Bedarf besteht allerdings in der Tatsache, dass die zukünftigen Konsumenten über deutlich größere Erfahrungen mit dem Internet und dem Onlinehandel verfügen. Sie bringen demzufolge auch eine höhere Bereitschaft mit, die unterschiedlichen Geschäftsmodelle des LOHs als Alternative zur Lebensmittelversorgung anzunehmen.

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