Alltagsmobilität junger Familien in der Metropole Ruhr : Mobilitätspraktiken, Mobilitätsbarrieren und mobilitätsbezogene soziale Exklusion

Suder, Eric A.; Pfaffenbach, Carmella Diana (Thesis advisor); Leicht-Scholten, Carmen (Thesis advisor)

Aachen (2020)
Doktorarbeit

Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2020

Kurzfassung

Trotz Nachhaltigkeitsdebatten seit den 1980er Jahren ist das Automobil weiterhin das Verkehrsmittel Nummer 1 in Deutschland. Neben den ökologischen und ökonomischen Dimensionen von Nachhaltigkeit gewinnt seit einigen Jahren der soziale Aspekt von Mobilität mehr und mehr an Bedeutung in der Mobilitätsforschung. Dabei werden häufig Begriffe wie Barrierefreiheit, gesellschaftliche Teilhabe und soziale Exklusion thematisiert. In diesem Zusammenhang rücken oft bestimmte Bevölkerungsgruppen in den Fokus, die besonders oft von sozialer Exklusion betroffen sind. Dazu zählen Senioren, körperlich beeinträchtigte und einkommensschwache Personen. Diese Dissertation hat die Mobilitätspraktiken von Familien mit Kindern unter zehn Jahren untersucht, da diese den Pkw im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen noch häufiger nutzen und zudem in besonderem Maße mit zahlreichen Herausforderungen wie einem begrenzten Zeitbudget und erhöhten Ausgaben aufgrund eines oder mehrerer Kinder konfrontiert sind. Inhaltlich widmet sich diese Dissertation drei Themenkomplexen. Erstens wurden die Mobilitätspraktiken junger Familien untersucht. Dabei wurden sowohl die Hintergründe der Verkehrsmittelwahl als auch unterschiedliche Rahmenbedingungen wie die räumliche Komponente berücksichtigt. Zweitens wurde mittels des Themenkomplexes Herausforderungen & soziale Exklusion die soziale Komponente von Mobilität nochmals vertiefend analysiert. Drittens fand eine Analyse des Potenzials nachhaltiger Familienmobilität statt. Dabei wurden Veränderungsbedarfe identifiziert und alternative Mobilitätsoptionen auf ihre Akzeptanz bei Familien geprüft. Um die Mobilitätspraktiken von Familien besser verstehen zu können, wurde eine qualitative Interview-Studie konzipiert, die den inhaltlichen Schwerpunkt der Dissertation bildet. Mittels Kontaktaufnahme über Grundschulen, Kindergärten und soziale Medien konnten in 35 Interviews insgesamt 40 Mütter und Väter aus vier Kommunen der Metropole Ruhr – von der Großstadt Oberhausen bis zur Gemeinde Hünxe – interviewt und 30 Stunden Interviewmaterial gesammelt werden. Ergänzend zur Interview-Studie wurde im Rahmen eines Master-Projektseminars am Geographischen Institut eine bevölkerungsgruppenübergreifende Fragebogen-Erhebung mit 1.062 Befragten durchgeführt. Vor allem auf dem Arbeitsweg sind die Mobilitätspraktiken im Alltag junger Familien stark von der Nutzung des Pkw geprägt. Da bei der Mehrheit der interviewten Familien dieser Fallstudie beide Elternteile berufstätig sind – in der Regel ist der Vater vollzeit- und die Mutter teilzeitberufstätig – und oftmals zum Arbeitsplatz in eine andere Stadt pendeln, verfügen die meisten Familien über zwei Pkw. Lediglich bei einem Wohnstandort in zentraler Lage und guter ÖPNV-Anbindung wird nach Kosten-Nutzen-Analyse teils auf den Unterhalt eines zweiten Pkw verzichtet und stattdessen in ein ÖPNV-Abo investiert. Im Alltag erhält dann meist die teilzeitberufstätige Mutter Zugang zum Pkw und leistet den Großteil der Versorgungsarbeit für die Kinder inklusive zahlreicher Begleitfahrten. Die Kinder werden im Kindergarten- und Grundschulalter meist von einem Elternteil zur Betreuungseinrichtung begleitet. Dies geschieht zu Fuß oder mit dem Pkw. In der Freizeit und für Einkäufe kommt es je nach Familie entweder ebenfalls zu einer starken Pkw-Nutzung oder einem Pkw-Verzicht, sofern dies zeitlich möglich ist. Im Rahmen der Dissertation konnten sechs Mobilitätstypen junger Familien identifiziert werden, deren Mobilitätspraktiken jeweils auf verschiedenen Einflussfaktoren und Motiven beruhen. Zu den Mobilitätstypen zählen die Pkw-Abhängigen (10 Interviewte), die flexiblen Individualisten (6 Interviewte), die Pkw-Vermeiderinnen und Vermeider (6 Interviewte), die Multimodalen (4 Interviewte), die Pkw-Fans (3 Interviewte) und die nicht-motorisierten Einkommensschwachen (4 Interviewte). Die Hintergründe der Mobilitätspraktiken lassen sich dabei in fünf Gruppen kategorisieren, die je nach Mobilitätstyp unterschiedlich stark von Bedeutung sind. Hierzu zählen 1. sozio-demographische Faktoren (v.a. Pkw-Verfügbarkeit, Alter der Kinder, Berufstätigkeit), 2. räumliche Faktoren (v.a. Bevölkerungsdichte, ÖPNV-Taktung), 3. wegespezifische Faktoren (v.a. Wegeketten, Wegezweck, Reisezeit, Umstiege), 4. sozio-psychologische Faktoren (v.a. Habitualisierung, Vertrautheit mit einem Verkehrsmittel) und 5. verkehrsmittelspezifische Faktoren (v.a. Flexibilität, Komfort, Zuverlässigkeit).Als größte Herausforderung wird von vielen Eltern die zeitliche Organisation des Alltages inklusive der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesehen. Besonders problematisch wird dabei die zeitliche Einhaltung der Bring- und Abholzeiten von Kindergarten und Grundschule empfunden, da bei einem maximalen Betreuungsumfang von 45h bei Vollzeitbeschäftigung jeweils lediglich 30 Minuten Zeit für den Weg zwischen Arbeitsplatz und Betreuungseinrichtung bleiben. Oftmals pendeln die Eltern jedoch in weiter entfernte Städte, so dass als Folge ein Elternteil die Arbeitszeit dauerhaft reduziert. Soziale Exklusion lässt sich bei Familien feststellen, die 1. keinen Pkw besitzen, 2. wenig finanzielle Mittel zur Verfügung haben und/oder 3. bei denen ein Elternteil alleinerziehend ist. Hier zeigen sich in besonderem Maß geographische, infrastrukturelle, zeitbasierte und ökonomische Mobilitätsbarrieren, die dazu führen, dass häufig nicht-obligatorische Wege entfallen. Als Beispiel sind Freizeitaktivitäten der Eltern und Kinder zu nennen, wie die Teilnahme der Kinder am Schwimmunterricht. Um eine von vielen Interviewten beschriebene Pkw-Abhängigkeit zu reduzieren und die Mobilität im Alltag der Familien nachhaltiger sowie insgesamt familienfreundlicher gestalten zu können, ist an mehreren Themenbereichen anzusetzen. So sind alle fünf identifizierten Faktorengruppen der Verkehrsmittelwahl zu berücksichtigen. Auch dürfen die unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Mobilitätstypen nicht vernachlässigt werden. Darüber hinaus sind ÖPNV- und Fahrradinfrastruktur deutlich zu verbessern, damit diese als echte Alternative zum Pkw in Frage kommen. In diesem Zusammenhang ist zudem eine alternative ÖPNV-Finanzierung zu diskutieren, etwa in Form eines steuer- oder beitragsfinanzierten Bürgertickets. Eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ebenso notwendig wie die Reduktion mobilitätsbezogener Herausforderungen und Vermeidung sozialer Exklusion.

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