Implementierung von Smart Mobility in ländlichen Räumen : Innovative Lösungen und potenzielle Regionalwirkungen für den Kreis Heinsberg

  • Implementing Smart Mobility in rural areas : innovative solutions and potential regional impact for the county of Heinsberg

Gross-Fengels, Sophia-Marie; Fromhold-Eisebith, Martina (Thesis advisor); Neiberger, Cordula (Thesis advisor)

Aachen : RWTH Aachen University (2020, 2021)
Doktorarbeit

Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2020

Kurzfassung

Die zunehmende Digitalisierung eröffnet in vielen Lebensbereichen neue Möglichkeiten, so auch in der Mobilität. Smart-Mobility-Lösungen (SMo) kommen bislang jedoch hauptsächlich in urbanen Gebieten zum Einsatz. Ländliche Verkehrssysteme sind aber weiterhin durch eine hohe PKW-Abhängigkeit, geringe ÖV-Nutzungsraten und ein bestellorientiertes Verkehrsangebot geprägt, das wenig Flexibilität und kaum Erreichbarkeitsverbesserungen für die Daseinsvorsorge der Bewohner ermöglicht. Bislang richtet sich der Fokus der Diffusionsforschung insbesondere auf die Untersuchung städtischer Innovationsphänomene, Forschungsarbeiten über die Innovationsimplementierung in LR bestehen deutlich seltener (Doloreux et al. 2007; Eder 2019). Bedingt durch ein gering ausgeprägtes Regionales Innovationssystem (RIS) sind LR allerdings von innovationsbedingten Nachteilen geprägt (Cooke 1992; Koschatzky 2001) und deshalb besonders auf alternative Strategien zur Implementierung von SMo angewiesen. Die Innnovationsimplementierung hängt sowohl von den ‚regional absorptive capacities‘ (RACAP) ländlicher Räume und ihren kollektiven politischen Akteuren auf der Meso-Ebene, als auch von den individuellen Präferenzen der Nutzer auf der Mikro-Ebene ab. Diese beeinflussen mit ihrer Adoptionsentscheidung den Innovationserfolg maßgeblich (Rogers 2003). Bisherige Arbeiten nehmen jedoch nur singuläre Betrachtungen einer dieser beiden Akteursebenen vor, eine gemeinsame Analyse gibt es bislang noch nicht (Docherty et al. 2018).Hier setzt diese Arbeit an, indem sie in einer integrierten Analyse nach dem Mehrebenen-Modell von Dopfer et al. (2004) sowohl die Implikationen der Meso-Ebene, als auch die Nutzerpräferenzen der Mikro-Ebene für die Implementierung von SMo in LR untersucht. Nach dem „Mixed Methods Ansatz“ von Creswell (2003) werden qualitative mit quantitativen Methoden kombiniert, wobei die qualitativen Experteninterviews (n=30) zur mehrdimensionalen Erfassung fördernder und hemmender Faktoren der Innovationsimplementierung im Fokus der Forschungsmethodik stehen. Die Nutzerpräferenzen und Bedarfe in der Fallstudienregion Kreis Heinsberg (HS) werden mittels einer standardisierten Online-Befragung (n=294) untersucht und durch eine Analyse von Mobile Network Data (MND) ergänzt. Überdies schafft diese Arbeit einen Mehrwert, indem sie die potenziellen Regionalwirkungen von SMo als Standortfaktor analysiert, die ihre Implementierung in LR zur Folge haben können (Liefner/Schätzl 2017; Hahne/von Stackelberg 1994).Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, dass zielgruppenspezifische Kommunikations- und Marketingkonzepte, Kooperationen im Sinne regionaler PPP, die Zusammenarbeit mit lokalen Schlüsselakteuren und die Einrichtung von Testgelegenheiten die Implementierung von SMo-Lösungen in LR fördern. Die überdurchschnittlich hohe PKW-Abhängigkeit eröffnet zwar ein großes Skalierungspotenzial für SMo in LR, stellt gleichzeitig aber auch ein bedeutendes Hemmnis der Implementierung von SMo dar. Auch knappe kommunale Budgets, die Gefahr von Kannibalisierungseffekten durch externe Anbieter und ein mangelnder Handlungsdruck überhaupt die Transformation des ländlichen Verkehrssystems voranzubringen, hemmen laut den Erkenntnissen dieser Arbeit momentan dort noch die Implementierung von SMo in LR. Diese Arbeit zeigt auch, dass ein „smartes“ Produkt oder eine „smarte“ Dienstleistung muss nicht immer etwas radikal „neues“ sein, oftmals reicht auch die intelligente, digitale Weiterentwicklung bereits gut funktionierender Lösungen schon aus, um den Anwendern von signifikanten Nutzungsvorteilen zu überzeugen. Diese Arbeit zeigt auch, dass soziale Innovationen im Mobilitätsbereich bislang kaum in LR implementiert wurden, obwohl die Konstitution des sozialen Kapitals in LR hierzu gute Rahmenbedingungen bietet. Für LR haben autonome Shuttles, der Einsatz von On Demand-Kleinbussen, genossenschaftliche Carsharing-Modelle und Mobilitätsstationen aussichtsreiche Entwicklungspotenziale. Sowohl ihre kontextspezifische Adaption entsprechend der ländlichen RACAP, als auch ihre Integration in eine digitale, kommunal betriebene Mobilitätsplattform zur Erhöhung der Sichtbarkeit und Nutzerkommunikation, sind nach den Erkenntnissen dieser Arbeit zwingende Voraussetzungen des Implementierungserfolgs. Dies gilt auch für den Kreis HS, wo die Nutzer bisher von einem mangelnden Informationsangebot, der extensiven PKW-Nutzung und zu hohen Preisen von der Nachfrage nach alternativen Mobilitätsangeboten absehen. Kostenlose Testmöglichkeiten, kurze Vorlaufzeiten bei der Buchung über eine Online-Plattform, sowie lokale, nachbarschaftlich organsierte Angebote würden die Nachfrager hingegen zum Verzicht des PKW zu Gunsten eines alternativen Mobilitätsangebots bewegen. Für den Kreis HS ist daher die Einführung einer (Multi-use) Mobilitätsplattform mit einer digitalen Integration des bestehenden On Demand Busses „MultiBus“ genauso empfehlenswert, wie das Angebot einer Kombi-Lösung aus E-Bike-Abo und ÖV-Ticket, das nicht nur die Erreichbarkeit auf der letzten Meile verbessern, sondern auch Synergieeffekte mit dem unterfinanzierten ÖV generieren kann. SMo-Lösungen erzeugen mit dem hohen Bedarf an digitaler Infrastruktur, IT-Fachkräften sowie Test- und Experimentierräumen aber auch noch andere, vor allem qualitative Effekte auf die regionale Entwicklung LR: Auch wenn die Einführung von SMo aufgrund des kleinen ländlichen Binnenmarktes keine direkten ökonomischen Effekte erzielen können, sind indirekte Effekte durch den Bezug von Fördermitteln und der verbesserten Erreichbarkeit der Unternehmensstandorte möglich. Arbeitsmarktrelevante Wirkungen werden hingegen nicht erwartet, vielmehr steigen die Ansprüche an IT-basierte Berufsprofile und die digitale Bildung der Nachfrager. Eindeutige Verbesserrungen kann SMo allerdings für die Lebensqualität und Daseinsvorsorge erreichen, eine Abschwächung der Abwanderungseffekte ist durch die überwiegenden Push-Faktoren der Städte, nicht zu erwarten. Schließlich deckt diese Arbeit ein strategisches und operatives Defizit in der Kommunikation und Koordination des Mobilitätsgeschehens in LR zwischen der politischen Meso-Ebene und den Nachfragern auf der Mikro-Ebene auf. Auf Basis der spezifischen LR RACAP entwickelt sie deshalb eine „Smart-Mobility-Strategie“, die sowohl operative Bausteine smarter Services, als auch wichtige strategische Aufgaben des Mobilitätsmanagements im LR umfasst (u.a. Kommunikationskampagnen, Leitlinienentwicklung, Nutzerintegration, Netzwerkbildung, Aktivierung endogener Potenziale und die Koordination von regionalen Co-Innovationsaktivitäten).

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